Die X-Box unterm Tannenbaum: saisonale Strategien

 

Wenig Zeit? Kurz-Zusammenfassung

  • Saisonale Strategien können ihren Zweck in vielen Branchen am Aktienmarkt erfüllen. Anleger müssen sich diesbezüglich aber eingehend mit den besonderen Bedingungen befassen und wissen, welche Sparten zu welcher Zeit des Jahres Chancen bieten und wo eher mit Seitwärtsbewegungen oder gar einem Einbruch der Kurse zu rechnen ist.
  • Unabhängige Studien haben in der Vergangenheit wiederholt gezeigt, dass Spekulationen auf Basis saisonaler Entwicklungen Gewinne in Aussicht stellen können – eben wenn Händler selbst analytisch vorgehen und sich nicht allein auf historische Aussagen verlassen.
  • Das Motto „Sell in May and go away“ kann ans Ziel führen, wie die Börsengeschichte zeigt. Doch es gibt einzelne Aktien und Branchen, die sich antizyklisch entwickeln oder dann und wann paradoxe Entwicklungen erkennen lassen.

saisonale StrategienDer Weihnachtsbaum findet an dieser Stelle des Aktienratgebers für den Profi-Alltag natürlich allein wegen seiner Beispielfunktion Verwendung. Das Osternest (Frühjahr) oder die „großen Ferien“ (Sommerzeit) ließen sich im Grunde gleichermaßen gut als typische Phasen nennen, in denen an den diversen Aktienmärkten saisonal bedingt entweder besonders rege oder eher zurückhaltend getradet wird. Genauer gesagt geht es um die zeitlichen Schwerpunkte des Handels in bestimmten Branchen und Bereichen der Börsenplätze weltweit sowie auf nationaler Ebene. Dies bedeutet, dass selbst jene Trader mit saisonalen Nachfrage-Schwankungen vertraut sein müssen, die allein am Heimatmarkt handeln. Dies wiederum kann zumindest zu einem Teil damit erklärt werden, dass die Märkte aufgrund der digitalen Abwicklung immer weiter interagieren und sich somit kaum noch voneinander trennen lassen aus analytischer Sicht.

Historische Erfahrungswerte bestätigen Wirkung saisonaler Strategien

Ein bekanntes Börsianer-Motto lautet „Sell in May and go away“. An der bekanntesten Börse der USA bzw. weltweit, der Wall Street, besagt diese Redewendung im Grunde, dass sich Anleger zu Beginn des Monats Mai von ihren Aktien trennen und erst nach Ablauf des Monats wieder aktiv werden sollten. Wie zu erwarten war, ist dies nicht das einzige Motto an der Börse. Dies wiederum zeigt, wie verschieden die Ansätze für saisonale Strategien gestaltet sein können. Die Wintermonate bieten sich insofern für saisonale Strategien in besonderer Weise exemplarisch an, weil die Besonderheiten in dieser Zeit besonders deutlich werden – und zwar sowohl in positiver wie negativer Hinsicht aus Sicht der Aktienunternehmen, deren Kurse von mehr oder weniger akuten Schwankungen bei Angebot und Nachfrage betroffen sind. Die Baubranche etwa verfällt zwar nicht in einen regelrechten Winterschlaf. Dennoch werden viele Berufstätige der Branche nach Einsetzen der ersten Schlechtwetter-Periode aufgrund der schlechten Auftragslage vorübergehend freigestellt. Und auch die leeren Auftragsbücher bei anderen Unternehmen haben Auswirkungen. In diesem Fall vor allem auf die Aktienkurse und die Bilanzen zu dieser Zeit des Jahres. Auf der anderen Seite: Wird der Winter richtig kalt und gehen damit Regen- und Schneefälle einher, steigen die Umsätze von Unternehmen, die Streusalz und andere typische Winterartikel produzieren.

Verschiedene Branchen profitieren zyklisch an den Börsen

Dies wiederum wirkt sich natürlich auf die Kurse der Aktien von Kali-Unternehmen aus. Für diese Unternehmen ist es dementsprechend vorteilhaft, wenn das schlechte Wetter möglichst lange anhält. Natürlich gibt es ebenso gute Beispiele für Aktienunternehmen, die zu anderen Jahreszeiten zyklische Kursanstiege verbuchen und Aktionären somit Spielraum für saisonale Strategien mit taktischer Ausrichtung bieten können. Ausnahmen stellen in diesem Kontext Spezialunternehmen dar, die nicht nur typische Winterprodukte herstellen, sondern auf der anderen Seite auch Düngemittel für die wärmeren Monate produzieren und somit zyklisch zu verschiedenen Zeiten des Börsenjahres Kursgewinne erreichen. Sind die Unternehmen gar global tätig, können sie das ganze Jahr hindurch rentabel wirtschaften. Derlei Informationen müssen Aktionäre kennen, um saisonale Strategien beim Trading an der Börse gewinnbringend nutzen zu können.

Fragen müssen sich Anleger im ersten Schritt bei dieser Vorgehensweise: Möchte ich allein mit Einzeltiteln saisonale Strategien verwenden oder bevorzuge ich Indizes beim Aktienhandel, um an der Entwicklung eines Gesamtmarktes zu partizipieren? Die Antwort auf diese Frage entscheidet durchaus darüber, welche Handelssignale sinnvoll sind und welche Arbeitsweise für Anleger lohnend ist. Anfänger können auf der saisonalen Ebene mit einzelnen Aktien einen guten Einstieg in die Materie finden. Dabei kann zwischen einer Langfristanlage (natürlich maximal einige Wochen oder Monate) und dem Kurzfrist-Handel gewählt oder sogar gewechselt werden. Hierzu müssen Anleger zunächst herausfinden, welche Aktien bzw. welche Güter tatsächlich von einer besonders guten saisonalen Nachfrage gekennzeichnet sind.

Analyse kennzeichnet Überflieger und schwache Werte

Die technische Analyse kann in diesem Punkt für klare Verhältnisse sorgen, andererseits erweisen sich Fundamentaldaten durchaus ebenfalls als Hilfsmittel für die Bewertung der saisonalen Strategie-Stärken verschiedener Wertpapiere und der Unternehmen, die sie emittiert haben. Pharma-Konzerne, die Grippemittel und -impfstoffe vertreiben, erreichen oft schon vorm Herbst steigende Bestellzahlen, die sich in steigenden Aktienkursen niederschlagen und den Umsatz befeuern. Somit haben wir bereits zwei Branchen gefunden, deren Aktionäre bei kluger Planung typische Profiteure saisonaler Strategien sein können.

Forscher befassen sich seit langem mit Saison-Entwicklungen

Der Einzelwert-Strategie gegenüber stehen saisonale Strategien auf Ebene eines gesamten Marktes – dies geschieht natürlich über Aktien-Indizes. Richtig ist: So etwas wie saisonale Muster und Phasen mit (sehr) guten Kurschancen im Rahmen der „Saisonalität“ gibt es, wie der Blick auf die Jahresbilanzen der Börsen zeigt. Analysten und Wissenschaftler haben in der Vergangenheit wiederholt gezeigt, dass – am Beispiel des britischen Aktienmarktes und anderer Börsenplätze – der Aktienhandel in den Wintermonaten zumeist rentabler als im Sommer ist. Und zwar nicht nur geringfügig, sondern gravierend. Die Winter-Performance schneidet bei der großen Mehrheit der Aktienmärkte weltweit besser als die Ergebnisse im Sommer ab. Ein klares Signal für Anleger und zugleich die Bestätigung dafür, dass das Exempel von der „X-Box unterm Tannenbaum“ in Kontext einer saisonalen Strategie durchaus – zumindest auf humorvolle Weise – passend ist.

Denn erfolgreiche Anleger können dem Nachwuchs (oder sich selbst) nach der Gewinnmitnahme eben auch den einen oder anderen größeren Wunsch erfüllen. Dass es trotz dieser Erkenntnisse zur Saisonalität Ausnahmefälle gibt, liegt in der Natur der Börse, die sich eben nicht immer so verhält, wie sich Aktionäre dies wünschen. Nutzer des Hochfrequenzhandels und automatischer Handelssysteme können bei Einsatz der richtigen Handelssignale sogar dann Gewinne realisieren, wenn sie die Märkte und einzelnen Aktien nicht ständig analysieren, dafür aber sinnvolle Automatik-Handelsindikatoren im System installiert haben.

Schalten Börsen im Winter einen Gang zurück?

Die nochmalige Grundaussage: Im Normalfall sind Wintermonate besser für Spekulationen auf Kursanstiege am Aktienmarkt geeignet als Sommermonate. Anfang des Sommers, so ein Rat manches Analysten, sollten Aktionäre also eher verkaufen als kaufen, um Gewinne mitzunehmen und zugleich eine Verlustabsicherung zu nutzen. Die Einsicht, dass sich Kursverläufe an der Börse mehr oder weniger regelmäßig wiederholen, birgt Chancen, verlangt aber nach einer präzisen Organisation. Verschiedene Studien haben gezeigt, dass die besten Börsenzeiten vielfach nach Allerheiligen beginnen, wenn Trader auf Aktien-Indizes spekulieren möchten und gleiches für Einzel-Aktien gilt. Infolge der Auswertung historischer Daten entwickelte sich die so genannte „Halloween-Strategie“, die das klassische Buy and hold in den Ergebnissen übertroffen hat, und zwar über einen Zeitraum von 300 Jahren im Vergleich.

Gemeint ist: Anleger kaufen Indizes oder Aktien nach dem besagten Feiertag am 01. November und verkaufen die Werte Anfang Mai wieder. Erfolgreich sind Aktionäre dabei auch auf die Performance bezogen, vergleicht man also die Rendite in diesem Zeitraum mit den Daten des Gesamtmarktes während eines kompletten Börsenjahres.

Ausnahme-Branchen bestätigen die Regel saisonaler Strategien

Eine gewisse Ausnahmestellung bei der Anwendung einer saisonalen Strategie nimmt die Gesundheitsbranche ein. In diesem Bereich liegt die Performance normalerweise im Sommer höher als im Winter-Halbjahr. Die Konsumgüter-Industrie ist ebenfalls ein solcher Sonderfall: Hier gibt es zumeist keine gravierende Performance-Abweichung in die eine oder andere Richtung. Statistisch also lässt sich erkennen, dass die Monate des Winters für Investitionen im Bereich der Aktien-Indizes die bessere Wahl sind. Anleger können also von Anfang November bis etwa Ende April in der Tendenz die besten Renditen realisieren. Zumindest hält diese Aussage einer Analyse bei langfristigen Beobachtungen stand. Was nicht bedeutet, dass die Saisonalität eine allgemeingültige Erfolgsstrategie ist. Letzlich müssen Käufer und Verkäufer somit ständig zum Einstieg oder Absprung bereit sein, wenn die Signale für Chancen oder Risiken sprechen.

stefan

Mein Fazit

Auch wenn Trader nicht blindlings darauf vertrauen sollten, dass saisonale Strategien im Folgejahr vergleichbare Erfolge nach sich ziehen wie im Jahr zuvor. Nichtsdestotrotz zeigen Analysen über viele Jahrzehnte hinweg gerade an den US-Börsen, dass Investitionen im Winter bzw. den kälteren Monaten des Jahres eher Gewinne bringen als Spekulationen im Sommer. Die Besonderheiten verschiedener Branchen müssen dabei natürlich berücksichtigt werden, damit sich die Strategien im erhofften Umfang als richtig erweisen kann.

Autor: RP