Was ist ein Trend? Dow-Theorie

 

Wenig Zeit? Kurz-Zusammenfassung

  • Kaum jemand hat die Börsen weltweit so beeinflusst wie Charles Henry Dow, der nicht nur Mitgründer des renommierten Wall Street Journals war, sondern mit der nach ihm benannten Dow-Theorie zugleich einen Meilenstein der charttechnischen bzw. technischen Analyse schuf.
  • Bis heute ist Dows Theorie in Gebrauch, da sie auf Basis der Entwicklung von Index-Kursen zuverlässige Aussagen über die Entwicklung der Wirtschaft insgesamt erlaubt.
  • Dows Erbe wird bis heute anerkannt und zwei der weltweit wichtigsten Indizes tragen seinen Namen.

Dow als Vorreiter einer neuen Wirtschafts- und Börsenwelt

was ist ein trendViele wichtige Begriffe, die an den Finanzmärkten eine zentrale Rolle spielen, verdanken ihren Namen bestimmten berühmten Persönlichkeiten. Der Begriff „Dow“ zum Beispiel begegnet Anlegern immer wieder bei der Lektüre der Fachmedien rund um den Börsenhandel – nicht nur in Form des US-amerikanischen Leitindex Dow Jones, der weltweit zu den wichtigsten Indizes überhaupt gehört. Auch der „Dow Jones Industrial Average“ wurde von diesem Börsenguru entwickelt. Charles Henry Dow – Namensgeber des besagten Index sowie Herausgeber der wohl bekanntesten Börsenzeitung, des „Wall Street Journal“ in Zusammenarbeit mit seinem Partner Edward Jones, dessen Name ebenso in mehreren Indices bis in die Jetztzeit gerühmt wird – lebte von 1851 bis 1902 und gilt als einer der Pioniere der Marktentwicklungen in den USA und später weltweit. Die moderne Börsenwelt, wie wir sie heute kennen, wäre ohne Dow und die ebenfalls nach ihm benannte „Dow-Theorie“ kaum möglich gewesen.

Dow legte nicht zuletzt durch die Entwicklung des weltweit ersten Aktienindex den Grundstein für den modernen Börsenhandel seit Anfang des 20. Jahrhunderts. Anleger folgen seinen Börsen-Gesetzes und vor allem der von Dow erst ermöglichten technischen Analyse bis in die heutige Zeit.

Sechs wichtige Grundaussagen als Basis für Prognosen

Insgesamt basiert die Dow-Theorie auf nicht weniger als sechs Theoremen, die im Rahmen der nicht nur für professionelle Trader unverzichtbaren Charttechnik von großer Bedeutung ist. Hintergrund der Dow’schen Gedanken ist die Einsicht, dass die diversen Indizes im eigentlichen Sinne die zentralen Informationen zur Verfügung stellen, auf die Anleger angewiesen sind bei der Entscheidung für und gegen bestimmte Anlageprodukte. Angebot und Nachfrage werden Dow zufolge vollständig abgebildet und widergespiegelt durch das Kursniveau der verschiedenen Indizes. Bereits dieses Argument zeigt, weshalb Dow-Anhänger der Überzeugung sind, dass sie allein auf die technische Analyse, nicht aber die Fundamentalanalyse vertrauen müssen, da in dem zum Index gehörenden Chart die ausreichenden Daten ablesbar seien.

Das zweite Theorem besagt, dass sich jeder Markt generell und immer letzten Endes aus drei Trends zusammensetzt bzw. dreiphasig Trends erkennen lässt. Schon wegen dieser ersten beiden Gedanken gilt die Dow-Konzeption vielen Anlegern als das elementare Fundament der technische Analyse überhaupt.

Moderne Charttechnik ohne Dows Vorarbeit nicht möglich

Dow selbst wird oft und gerne als „Urvater der klassischen Charttechnik“ tituliert – durchaus zurecht, wie die folgenden Abschnitte noch eingehender bestätigen werden. Dies liegt weitgehend daran, dass seine Theorie zu steigenden und fallenden Märkten als solche in der schnelllebigen und zunehmend digitalen Finanzwelt nicht weniger aktuell ist als zur Zeit ihrer Entstehung. Zur Erklärung: Den ersten Aktienindex (bestehend aus lediglich elf Aktien) publizierte Dow schon im Jahr 1884. Damals entstand auch seine Theorie. Obwohl er sie nie in Buchform niederschrieb, setzten sich seine charttechnischen und markttechnischen Überlegungen rasch weltweit bei Spekulanten durch.

Ende des 19. Jahrhunderts entstanden zwei verschiedene Indizes

Historischer Hintergrund der Dow-Theorie: Der Entwickler betrachtete jeweils den durchschnittlichen Schlusskurs der elf ursprünglichen Aktien im Index. Aus dem Verlauf dieser Durchschnittswerte, so Dows Erwartungshaltung, ließe sich ablesen, wie sich die jeweilige Landeswirtschaft entwickeln würde bzw. wie es um die ökonomische Lage des Landes insgesamt stehe. Im Jahr 1897 modifizierte Dow seine Theorie, indem er sich entschied, einen Industrie- und einen Transportwesen-Index (damals eher einen Eisenbahn-Index) zur Grundlage seiner Analyse zu machen. Diese zwei Indizes sollten noch genauer die Ökonomie-Lage wiedergeben. Der Rest ist letztlich Geschichte: Lange nach dem Tod ihres Erfinders existieren beide Indizes weiter. Sie sind in viel umfangreicher Form als Anfang des 20. Jahrhunderts unverzichtbare Economy-Indikatoren und dienen Analysten und Anlegern als wichtiges Börsenbarometer. Im Folgenden widmen wir uns eingehender der Dow-Theorie und der Betrachtung von Trends und Trendumkehr-Phasen im Rahmen der Charttechnik.

An dieser Stelle kommen wir zwangsläufig zurück zu den sechs Theoremen (Basisaussagen) von Dows Theorie, die nach dessen Tod von vielen Experten umfassend niedergeschrieben wurden. S.A. Nelson prägte denn in seinem 1903 erschienenen Werk „The ABC of Stock Speculation“ auch den Begriff der hier thematisierten Dow-Theorie mit Bedeutung für die aufkommende technische Analyse. Fassen wir die besagten Kernaussagen also nochmals übersichtlich zusammen:

Die Kurse beinhalten alle historischen Daten von der Vergangenheit bis in die Zukunft!

In der Fachliteratur findet sich in vielen Fällen auch die Formulierung: „Die Indizes diskontieren alles.“ Gemeint ist damit, dass letzten Endes alle Bewertungen der involvierten Marktteilnehmer im Chart stecken. Hier wiederum geht es um viele verschiedene Aspekte. Diese lassen sich wie folgt angeben:

  • Bewertungen vergangener Kursentwicklungen
  • Informationen zu gegenwärtigen Kursen
  • Prognosen für die Zukunft
  • Fakten aus der Rubrik „Insiderwissen“
  • Etwaige unvorhersehbare Ereignisse (Naturkatastrophen, Anschläge, Feuerschäden etc.)

Dow: Charts geben Auskunft über alle potentiellen Ereignisse

Im Grunde geht die Theorie davon aus, dass ausnahmslos alle Eventualitäten im Chart vertreten sind – ganz gleich, ob sie bereits bekannt sind oder erst noch auftreten werden (bzw. eben nicht). Tatsachen und Erwartungen sind so gleichermaßen von Relevanz für die technische Analyse, denn Indizes werden eben nicht allein von wirklich auftretenden Ereignissen beeinflusst, sondern auch von generell existierenden Risiken bzw. mehr oder weniger wahrscheinlichen Szenarien, von deren Relevanz Marktteilnehmer ausgehen.

Technische Analyse basiert auf drei verschiedenen Trends

Als Trend gelten nach der Dow’schen Theorie generell Muster in Charts, die wahlweise auf Tief- bzw. Hochpunkte aufweisen. Verbindet man eben diese einzelnen Punkten miteinander, ergeben sie eine so genannte Trendlinie. Dow ging weiterhin davon aus, dass sich drei unterschiedliche Trends definieren lassen – diese Phasen setzt Dow mit dem Verhalten der Wassermengen in einem Meer gleich. Hierbei gibt es zunächst einmal einen primären Trend, der gewissermaßen die Gezeiten Ebbe und Flut widerspiegelt. Der Primärtrend also gibt vor, welchen Weg, welche Richtung der Kursverlauf einschlagen wird. Die Wellen selbst sind in diesem Gleichnis der sekundäre Trend in der Dow-Theorie. Minimale Wellen-Veränderungen stellen den tertiären Trend dar.

Dreiphasige Trend-Theorie sieht unterschiedliche Wichtigkeit vor

Letzterer Trend spielte für Dow (und natürlich bis heute im Rahmen der Charttechnik) eine eher untergeordnete Rolle. Der Primärtrend läuft per Definition in der Theorie über Zeitspannen von 12 Monaten bis zu einigen Jahren ab. Er wird auch als langfristiger Trend bezeichnet. Drei bis 12 Monate dauern die Sekundärtrends (auch „mittelfristige“ Trends genannt) an, wobei sie eine Korrektur des primären Trends in einem Umfang von ein bis zwei Dritteln ausmachen und aus diesem Grund eine merkliche Bewegungsänderung zur Folge haben können.

Maximal drei Wochen nennt Dow als Zeitraum für die eher unwichtigen Tertiärtrends („untergeordnete Trends“). Dow ging es ohnehin bei der Marktbeobachtung vorrangig um die primären Trends. Ihrer Gestaltung nach wiederum sind diese Trends dreiphasig, insbesondere in einem primären Bullenmarkt. Gemeint sind diese drei Phasen:

  1. die Akkumulation
  2. die öffentliche Beteiligung
  3. die Distribution

Von einem Aufwärtstrend spricht man, wenn ein neuer Hochpunkt oberhalb des bisherigen bzw. vorangegangenen höchsten Punktes angesiedelt ist. Dabei liegt auch jeder neue Tiefpunkt über dem vorherigen höchsten Tiefpunkt. Die Sekundärtrends stellen Unterbrechungen des erkennbaren Primärtrends in die entgegengesetzte Richtung dar. Sekundäre Trends treten zum Beispiel dann auf, wenn die primären Phasen zu dynamisch ausfielen, so dass es einer Korrektur bedarf.

Anleger-Massen werden erst im zweiten Schritt tätig

Während der Phase der Akkumulation kommt es zum günstigen Ankauf von Aktien durch besonders gut informierte und erfahrene Anleger – sie sammeln in mehr oder weniger großen Umfang bestimmte Wertpapiere ein. Auch allgemein Ankäufe ohne Bevorzugung spezieller Werte sind generell denkbar. Dies kann vor in erster Linie dann der Fall sein, wenn eine Abschwungphase (Rezession) ihrem Ende entgegengeht und keine weiteren negativen Ereignisse mehr zu befürchten sind. Im zweiten Schritt sprechen sich die positiven Veränderungen oder die abklingende schlechte Phase der Wirtschaft und der Märkte herum: Es kommt zur öffentlichen Beteiligung infolge der besseren Informations- und Nachrichtenlage, wie es gerade im Zusammenhang mit einem aufkeimenden Aufschwung zu beobachten ist. An diesem Punkt der dreiphasigen Primärtrend-Lage partizipieren allmählich die Investoren, die mit Vorliebe auf bereits begonnene Trends aufspringen. Sie werden oftmals auch als „Trendfolger“ tituliert.

In dem Augenblick, wenn die positive Stimmung zu einem euphorischen Momentum führt, tritt die Distribution in Erscheinung. Nun kommt es zu sehr stattlichen Gewinnmargen und einem überdurchschnittlich hohen Wachstum der Wirtschaft. Für clever agierende Anleger sind dies bereits die ersten Indizien für ihren baldigen Ausstieg, was gerade durch die hohe Nachfrage der „normalen Anlegermasse“ günstig beeinflusst wird. So fällt der Verkauf zu einem guten Preis leicht.

Es braucht die Bestätigung der Indizes

Hierbei ging es Dow darum, einen Zusammenhang seiner beiden damals verfügbaren Indizes – dem Index mit Blick auf die Industrie und dem zur Eisenbahnbranche – mit dem Markt selbst zu kreieren. Nur wenn beide Indizes identische Signale (Indikatoren) erkennen lassen, dürfe je nach Situation ein Bärenmarkt oder Bullenmarkt publik gemacht bzw. ausgerufen werden. Zeitlich kann es dabei durchaus einen gewissen Abstand der Signale in den Indizes geben. Im selben Augenblick müssen die Ereignisse nicht unbedingt erkennbar sein.

Auch Trends sind auf eine Bestätigung angewiesen – durch das jeweilige Volumen

Je näher ein primärer Trend rückt, desto wichtiger wird ein entsprechender Umsatz, so Dow in seinen Ausführungen. Dies bedeutet im Grunde: Handelt es sich beim Primärtrend um einen Aufwärtstrend, müssen die Kurse einen Umsatzanstieg aufweisen, bei abwärtsgerichteten Trends kommt es somit auf fallende Umsätze an. Andersherum sind auch entgegengesetzte Szenarien denkbar – dass also bei einem aufwärts gerichteten Primärtrend und fallenden Kursen auch der Umsatz zurückgehen muss. Gleiches gilt für abwärtsgerichtete primäre Trends: Zeichnet sich ein solcher Trend im Umfeld steigender Kurse ab, muss der Umsatz ebenso im Anstieg befindlich sein. Sofern diese Bedingungen nicht erfüllt sein sollten, muss der vermeintliche Trend generell laut Dow ausführlich hinterfragt und analysiert werden. Auch wenn das Volumen an sich für den Index-Guru nur zu den so genannten sekundären Indikatoren gehörte, vernachlässigte er es dennoch nicht im Kontext seiner damals innovativen Ansätze zur Anwendung der technischen Analyse.

Jeder Trend hat seine Zeit – bis zu seiner Umkehr

Unendlich halten Trends an den Märkten nicht. Zu dieser Erkenntnis kommt auch die Dow-Theorie bei der Betrachtung von Indizes im Hinblick auf dreiphasige Trends. So gilt in diesem Fall: Ein jeder Trend gilt als beständig bis zu dem Moment, in dem eine Trend-Umkehr zu erkennen ist. Hier kommt im Grunde eines der Prinzipien der Physik zum Einsatz: Der Trend hält sich nach dem „Prinzip der Trägheit“ so lange, bis er eine Drehung aufweist. Diese Umkehr eines Trends aber muss definitiv und somit wirklich offenkundig sein. Für Anfänger und unerfahrene Investoren gehört dieser Aspekt der Charttechnik zu den komplexesten Punkten der Theorie Dows. Als wahrscheinlich ist diesbezüglich anzunehmen, dass es bei existierenden Trends eher zu einer Fortsetzung als zu einer Trend-Umkehr kommen wird. Dows Theorie fällt damit in den Bereich der Trendfolgestrategien. Der wohl wichtigste Indikator bezüglich langfristiger Trends in der charttechnischen Analyse ist die so genannte 200-Tage-Linie. Natürlich gibt es etliche andere Trendlinien, die ihrerseits zu guten Ergebnissen führen können.

Im Rahmen seiner Analyse vertraute Dow grundsätzlich einzig und allein auf die jeweiligen Schlusskurse im Beobachtungszeitraum. Welche Entwicklungen Kurse während der Handelstage (Stichwort „intraduktal“) aufwiesen, spielt – wenn überhaupt – höchstens eine kleine Nebenrolle. Der Gedanke dabei war, dass der Schlusskurs nun einmal das eigentliche Resultat ist (vielfach ist von der „Essenz“ die Rede). Signale aus anderen Ereignissen während des Tages abzuleiten, wäre dieser Auffassung gemäß schlicht unsinnig. Interessanterweise ging es Charles Henry Dow zeitlebens eher nicht darum, Kursprognosen abzugeben, auch wenn dies heute für viele Trader das Ziel der technischen Analyse auf Basis der Dow-Theorie sein mag. Stattdessen war die Hoffnung der Theorie eher die Chance, aus den Kursveränderungen Rückschlüsse auf die kommenden Entwicklungen der Wirtschaft abzulesen.

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Mein Fazit

Dies wiederum bedeutet im Klartext: Die Börse war für Dow ein Instrument und Indikator für ökonomische Veränderungen – idealerweise sollten so frühzeitige Erkenntnisse gewonnen werden. Die Kritik vieler Gegner der Theorie zielt bis heute in weiten Teilen darauf ab, dass Dow je nach Auslegung bis zu einem Drittel der eigentlichen Bewegung am Markt verpasst. Dies liegt daran, dass elementare Signale oftmals auftreten, wenn mittelfristige Hoch- oder Tiefpunkte vom Kurs übertroffen oder unterschritten werden. Und in eben diesem Moment sind große Teile der Bewegung insgesamt längst vorüber. Will man aber wie Dow den mittleren Teil der Hauptbewegung abpassen wegen ihrer großen Bedeutung, ist die Vorgehensweise durchaus berechtigt. Und so gibt es heute zahlreiche Modelle der Trendfolge, die einen mehr oder weniger ähnlichen Weg beschreiten bei der Betrachtung von Indizes mittels Charttechnik.

Es lässt sich also sagen, dass die technische Analyse ohne Charles Henry Dow in ihrer heutigen Form nicht existieren würde. Der Brückenschlag von Börsenverkäufen zu konjunkturellen Entwicklungen hat ihm zurecht einen Platz in der Riege der Börsen-Ikonen eingebracht. Zumal der Vordenker Dow auch nach wie vor gültige Aussagen über das Anlegerverhalten an sich traf.

Autor: RP