Zinsmärkte – worauf müssen Anleger achten?

 

Wenig Zeit? Kurz-Zusammenfassung

  • Gerade Anleihen von Unternehmen und Staaten spielen für die Zinsmärkte weltweit eine große Rolle. Gerade Staatsanleihen bieten inzwischen zwar nicht mehr dieselben hohen Rendite wie zu Krisenzeiten, bringen aber dennoch auf sichere Weise Gewinne ins Depot.
  • Wie alle Märkte rückt der Zinsmarkt seit einigen Jahren aufgrund der digitalen Verknüpfungen immer weiter zusammen, was die Produktauswahl erhöht, aber zugleich auch von Anlegern bei der Risikobewertung berücksichtigt werden sollte.
  • Die Entwicklungen an den Zinsmärkten sind nicht nur für die Börse wichtig, sondern sind zugleich ein Indikator für gesamtwirtschaftliche Trends und Krisen.

Verschiedene Zinssätze beeinflussen Kredit- und Kapitalmärkte

Selbst wenn Anleger keinerlei Interesse am Handel an den Zinsmärkten haben sollten, fällt es letzten Endes nicht nur schwer, sich Trading-Maßnahmen vorzustellen, bei denen die aktuellen Entwicklungen am Zinsmarkt wirklich nicht die geringste Rolle spielen. Vielmehr kann gesagt werden, dass die Entwicklungen der wichtigen Zinssätze im Grunde immer und bei allen Investments eine Rolle spielen. Ein gutes Beispiel sind klassische Geldanlagen und Kreditprodukte, bei denen Leitzinssätze wie der sogenannte Euribor einen entscheidenden Einfluss auf die Veränderungen der Bedingungen haben. Und genau diese Leitzinsen, die von der in Frankfurt am Main ansässigen Europäischen Zentralbank festgelegt werden, haben in den vergangenen Jahren dafür gesorgt, dass vormals rentable und wegen ihrer Sicherheit gelobte Sparkonten massiv an Reizen eingebüßt haben.

Anleger müssen Steuern auf Gewinne zahlen

Nach Abzug der Inflationsrate bleibt Sparern von den Erträgen nicht nur kaum etwas übrig – sie zahlen in vielen Fällen sogar drauf, wenn man die Inflation, die Kontoführungsgebühren sowie die Abgeltungssteuer herausrechnet (letztere freilich nur bei höheren jährlichen Kapitaleinkünften jenseits des geltenden Freibetrags von 801 Euro bzw. 1.602 Euro für gemeinsam veranlagte Anleger). Für die Auswahl zinsbasierter Investitionen bedeutet dies, dass der derzeitige Zinssatz der derivaten Finanzprodukte so hoch ausfallen muss, dass er im Moment der Gutschrift die Transaktionskosten abdeckt und nach Abzug von Inflation und Steuern noch etwas vom Gewinn übrig bleibt.

Welche Zinssätze spielen am Markt eine Rolle?

Auf der anderen Seite sind die geringen Zinsen derzeit eine Chance für Verbraucher, die beispielsweise Geld für eine Baufinanzierung abrufen möchten. Darüber hinaus eignen sich die Entwicklungen an den Zinsmärkten selbst für spezielle Spekulationsgeschäfte. Zinsen spielen immer und überall eine Rolle, wenigstens indirekt. Doch der Reihe nach: Der sogenannte Euribor – das ist die European Interbank Offered Rate. Diese Rate ist der Zinssatz, zu dem sich Banken in Europa untereinander Geld leihen können. Diesem Zinssatz gegenüber steht der Libor. Hinter dieser Abkürzung verbirgt sich die London Interbank Offered Rate.

Dieser Zinssatz ist der jeden Tag neu kalkulierte Referenzzinssatz, der innerhalb der Bankenbranche für sogenannte „unbesicherte Geldmarktkredite“ zwischen Kreditinstituten berechnet wird. Veröffentlicht werden die Kurse alltäglich von der renommierten Agentur Thomson Reuters. Dabei wird jeweils ein Durchschnittszinssatz ermittelt. Beide Zinssätze werden nicht nur tagesaktuell, sondern auch für längere Zeiträume genannt (Bsp. 3-Monats-Euribor).

Zinssätze mit unterschiedlichen Analyse-Zeiträumen

Im Zuge der letzten Reformen gibt es zwischen nicht mehr 15, sondern nur noch 8 unterschiedliche Euribor-Zinssätze, die im zeitlichen Bereich von nur einer Woche bis zu 12 Monaten liegen und allesamt als Basistarif Ausgangspunkt für zahlreiche Zinsprodukte sind. Anleger können mittlerweile auch bei vielen Brokern auf die Entwicklungen an den Zinsmärkten wetten und damit Teil eines Geschäfts werden, das in den Zeiten vor dem Aufkommen der Online-Broker institutionellen Investoren vorbehalten blieb. Zu den möglichen Produkten für zinsbasierte Investments gehören neben den schon erwähnten Sparkonto-Modellen auch Futures auf Zinsbasis, Zinsswaps oder Hypotheken-Geschäfte.

Zinsentscheidungen der EZB besonders einflussreich

Der dritte Zinssatz im Bunde ist der EZB-Zinssatz, mit dessen Hintergründen Händler mit Zins-Interessen ebenfalls vertraut sein sollten. Hierbei handelt es sich um den „Hauptrefinanzierungssatz“, der von der Europäischen Zentralbank (mit Sitz in Deutschlands Bankenmetropole Frankfurt am Main) unter Einbeziehung zahlreicher Faktoren festgelegt wird und ebenfalls für die Kreditvergabe relevant ist. Auswirkungen auf die Konditionen am Zinsmarkt haben natürlich nicht nur Zinsmeldungen, sondern im gleichen Maße wichtige Veränderungen in Politik und Wirtschaft.

Anleihenkurse basieren auf Gegebenheiten der Zinsmärkte

Aktuelle Daten wirken sich unter anderem auf die Kurse und Zinssätze im Bereich der Staatsanleihen aus. So kann die Neubewertung der Kreditwürdigkeit eines Staates zeitnah zu einem Anstieg oder Absinken des Zinsniveaus für Anleihen unterschiedlicher Laufzeiten führen. Anleihen mit Bezug zu den Zinsmärkten sind etwa Produkte wie „Euro Bonds“, die Variante „UK Gilt“ aus Großbritannien, oder der amerikanische „US 30-Year Treasury“. Neben den Zinsmarkt-Werten Euribor und Libor sind auch der britische „Short Sterling“ und der sogenannte „Eurodollar“ zu berücksichtigende Optionen für Spekulationen an Zinsmärkten. Gerade bei neu ausgegebenen Zinsmarkt-Anleihen gilt es für Anleger, den richtigen Zeitpunkt abzupassen, denn vielfach gibt es klare Einschränkungen der Emittenten, die das Emissionsvolumen betreffen.

Auch Zinsgeschäfte bedürfen einer genauen Analyse

Broker bieten ihren Händlern mehr oder weniger umfangreiche Chart-Tools, damit die Trader Informationen über die Zinsmärkte und die potentiell interessanten Produkte einsehen und passende Rückschlüsse für ihre Investitionsvorhaben ziehen können. Wichtige Fakten sind neben dem maximalen Tagesvolumen oder -umsatz auch die Ask- und Bid-Aussagen sowie die Höchst- und Tiefstpreise im analysierten Zeitraum. Spätestens wenn Produkte der Zinsmärkte auch außerbörslich gehandelt werden sollen, braucht es die konsequente und ständige Analyse der Aufwärts- und Abwärtsbewegungen, um immer über die aktuellen Veränderungen der Bedingungen an den Zinsmärkten auf dem Laufenden zu sein.

larserichsen

Mein Fazit

Viele Verbraucher sehen den Einfluss der Zinsmärkte vor allem im Bereich der Kreditvergabe und klassischer Sparmodelle. Doch die Zinsmärkte selbst können Tradern über Anleihen und ähnliche Produkte ebenso gute Chancen eröffnen, um über die Entwicklungen an den Märkten gewinnbringend agieren zu können. Dabei sollten Händler die zahlreichen verschiedenen Zinssätze kennen, die – mal mehr, mal weniger – deutlichen Einfluss auf die Finanzprodukte an den globalen Handelsplätzen haben können. Die Wechselwirkungen verschiedener Märkte sollten dabei ebenfalls nicht außer Acht gelassen werden, um effizient und rentabel traden zu können.

Autor: RP