Elliott-Wellen – wiederholende Muster im Fadenkreuz der Trader

 

Wenig Zeit? Kurz-Zusammenfassung

  • Die Entwicklung der Strategie der Elliott-Wellen geht auf den Namensgeber des bis zum heutigen Tag wohl wichtigsten US-Index zurück, Henry Dow. Ralph Nelson Elliotts Theorie fußt auf der Grundannahme, dass sich Entwicklungen in kurzen Analyse-Zeiträumen in Charts letztlich auch in größeren Beobachtungs-Fenstern zeigen.
  • Elliott war überzeugt, dass sich Muster immer wieder in verschiedenen Zeitintervallen wiederholen und somit durch ausdauerndes Handeln zwangsläufig immer wieder zum Gewinn führen können.
  • Viele Börsenprofis haben die Tradingstrategie Elliotts für ihre Zwecke überarbeitet oder wenigstens Teile des „Wellen-Prinzips“ in ihre eigenen strategischen Theorien übernommen.

Elliotts Weiterentwicklung der Dow-Theorie

elliott wellen tradingWie viele wichtige Begriffe aus dem Umfeld der weltweiten Börsen tragen auch die sogenannten Elliott-Wellen den Namen ihres Erfinders bzw. der Person, die sie entdeckt hat. Und diese Person war der US-Amerikaner Ralph Nelson Elliott, der von 1871 bis 1948 lebte. Ausgangspunkt für die Theorie der Elliott-Wellen war die Theorie Charles Henry Dows, die schon einige Jahrzehnte, nämlich zum Ende des 19. Jahrhundert, vor Elliotts Ansatz entwickelt wurde. Dows börsliche Grundlagenforschung gilt in der heutigen Zeit als klassischer Ansatz der technischen Analyse und wird in seinen verschiedenen Varianten von Tradern weltweit genutzt, um Prognosen zu wahrscheinlichen Kursentwicklungen abgeben zu können.

Dow Jones als Grundgerüst der Elliott-Wellen-Strategie

Dow hatte auf Basis des ebenfalls nach ihm benannten Aktienindex Dow Jones herausgefunden, dass sich in Kursanalysen immer wieder gewisse Kursmuster abzeichnen, die in mehr oder weniger regelmäßigen Abständen in Charts als Formationen auftauchen. Ralph Nelson Elliott erkrankte eine Zeitlang schwer. Die Zeit der Krankheit nutzte der interessierte Spekulant dafür, den Aktienmarkt in den USA weitreichend unter die Lupe zu nehmen und einer Analyse zu unterziehen. Dabei konzentrierte sich Elliott während der monatelangen Beobachtung der Kursentwicklung in weiten Teilen auf den Dow Jones Industrial Average – also auf den Index, der heute kurz als Dow-Jones-Index bekannt und wohl der meist erwähnte weltweit ist.

Die zentrale Erkenntnis Elliotts sah wie folgt aus: Er stellte im Rahmen seiner Beobachtungen fest, dass die Schwankungen der Marktpreise sowie die erkennbaren Kursmuster an den (Aktien-)Märkten, die oft binnen einiger Tage ablesbar waren, große Ähnlichkeit mit den Entwicklungen hatten, die auch bei Analysen über Zeitspannen von Monaten oder sogar Jahren auftreten. Eine wichtige Grundaussage der Analyse von Elliott-Wellen liegt zudem in der Differenzierung sich zwischen zyklisch ausbreitenden Wellenmustern auf der einen und selbstähnlichen Mustern auf der anderen Seite (auch „fraktal“ genannt). In diesem Punkt zeigte sich rasch eine deutliche Parallele zu Phänomenen aus der Natur. Spricht man von fraktalen Objekten, handelt es sich um Modelle, die sich aus einer mehr oder weniger großen Zahl von großen und kleinen Kopien einer Form zusammensetzen.

Marktbewegungen mit Ähnlichkeiten zur Natur

Moleküle sind ein ebenso gutes Beispiel für derartige Natur-Objekte wie ganze Sonnensysteme oder Zweige an einem Baum, die in ihrer Form im Grunde einem Kleinformat eines Baumes ähneln. Ein besonders bekanntes Exempel, dass im Kontext der Elliott-Wellen oft Erwähnung findet, ist der Romanesco, der auch als „Pyramidenblumenkohl“ bezeichnet wird. Schaut man sich den Romanesco-Blütenstand genau an, zeichnen sich deutliche Fraktal-Strukturen ab, auch Fibonacci- Spiralen sind erkennbar. Elliott-Wellen spielen heute zudem im Bereich von Computeranimationen eine durchaus bedeutende Rolle.

Wissenschaftler und Händler modifizieren die Strategie

Ähnlichen Gedankengängen wie Elliott widmen sich heutzutage nicht zuletzt auch Chaosforscher im Bereich der Mathematik, wie etwa der vielfach ausgezeichnete Wissenschaftler Benoît Mandelbrot. Elliott selbst verschriftlichte seine Erkenntnisse in seinem Werk aus dem Jahr 1938, das den deutschen Namen „Das Wellen-Prinzip“ trägt und im Original „The Waves Principle“ heißt. Elliott zeigte sich überzeugt davon, dass Kurse für die Nachrichtenlage rund um die Märkte verantwortlich seien – nicht andersherum. So suchten sich die Teilnehmer eines Marktes rückwirkend die Meldungen aus, die am ehesten den Kursentwicklungen angemessen erscheinen. So sind Kursbewegungen Elliott zufolge also nicht die Folge der Nachrichten. Vielmehr waren die Bewegungen der Kurse aus technisch-analytischer Sicht ohnehin zwangsläufig.

Große Bedeutung der Psychologie bei kurzfristigem Handel

In Teilen ist sich Elliotts Theorie damit mit Börsenguru André Kostolany einig, der seinerseits vom enormen psychologischen Einfluss an der Börse überzeugt war: Bis zu 90 Prozent der Börsenentwicklungen, so Kostolanys Meinung, seien ursächlich auf die Psychologie zurückzuführen – zumindest im kurz- bis mittelfristigen Bereich. Fundamentale Entwicklungen wirken sich dabei eher auf lange Sicht am Markt aus. Nach Elliotts Auffassung bestimmen psychologische Aspekte sogar immer und jederzeit die Börsen und Märkte. Ändern Trader ihr Verhalten, werde dies nicht von Fundamentaldaten aus den Nachrichten-Tickern ausgelöst. Stattdessen habe sich das Verhalten bereits geändert, wenn die täglichen Börsenmeldungen publik werden. Aus heutiger Sicht und angesichts der medialen Überflutung mit neuen Nachrichten wirkt die Theorie der Elliott-Wellen für manchen Händler eher nicht zwingend nachvollziehbar. Tatsächlich aber zeigt eine konstante Analyse über eine längere Zeit, dass Fundamental-Meldungen eher keine oder nur bedingte Priorität für Händler haben, womit sich bestätigt, dass das Prinzip der Elliottwellen nach wie vor seine Berechtigung hat.

Rückwirkend kann fast jede Veränderung erklärt werden

Im Nachhinein können gefühlt endlos viele Argumente in den Tickern ausfindig machen, um Kursentwicklungen begründen zu können – ob einzeln oder in der Wechselwirkung verschiedener Meldungen auf nationaler (z.B. Steueränderungen oder Publikation von Unternehmensbilanzen) und internationaler Ebene (wie etwa in Form von Zinskorrekturen durch Zentralbanken). Kritik müssen sich die Elliott-Wellen dahingehend gefallen lassen, dass sich letzten Endes ausnahmslos jedes Szenario nach dessen Eintreffen mit Medienberichten erklären lässt. Aber eben erst danach.

Etliche Experten haben sich darum bemüht, die Theorie der Elliott-Wellen über die Jahre zu optimieren und weiterzuentwickeln. Robert Prechter beispielsweise publizierte sein Buch mit dem Titel „Elliott Wave Principle“, das auch auf Deutsch erschien. Hierzulande heißt das Werk „Das Elliott-Wellen-Prinzip. Schlüssel für Gewinne am Markt.“ Dabei wurde Prechter selbst zu einem weltweit angesehenen Experten, was nicht zuletzt daran lag, dass er 1987 den Börsencrash vorhersagte.

Modell des fünfteiligen Impulses bildet die Basis

Elliott hatte schon damals vor allem den „in Trendrichtung laufenden fünfteiligen Impuls“ als elementares Grundmuster seines Prinzips definiert. Handelt es sich etwa um eine Baisse-Umgebung am Markt, zeichnet sich natürlich eine Entwicklung in die Gegenrichtung ab. Börsenprofis müssen Trader nicht sein, um diese besondere Struktur der Elliott-Wellen zu erkennen. Im Regelfall übernimmt die dritte Welle die Position der Hauptantriebswelle der zyklischen Bewegung und hat damit die längste Form. Die Wellen 1 und 5 sind meist vergleichbar lang, während die zweite und vierte Wellen eine Trend-Korrektur darstellen. Wichtig ist dabei, dass Überschneidungen der 1. und 4. Welle ausgeschlossen sind.

Wellen sind von unterschiedlicher Wichtigkeit am Markt

In Anschluss an den Impuls kommt es meist zu einer Kurskorrektur, wie die Erfahrungen mit den Elliott-Wellen zeigen. So haben Anwender der Theorie die Chance, Positionen gegen den Trend zu eröffnen. Ob sich der Markt in diesem Moment als „bearish“ oder „bullish“ präsentiert, ist für diese Entwicklung irrelevant: Die entgegengesetzte Bewegung tritt immer auf. Hintergrund der Theorie ist vor allem die Erwartung, das auf jedes Hoch irgendwann ein gewisser Einbruch folgen wird. Jedoch können die Korrekturen unterschiedlicher Art sein. Generell erfolgt die Korrektur durch die entgegengesetzte zweite Welle in dreistufiger Weise, wobei die drei Teilwellen A, B und C genannt werden. Dabei gilt: Auch die Teilwellen A und C sind ihrerseits wieder von einem vergleichbaren Preis-Ausdehnungs-Niveau sowie einem fünfteiligen Impuls geprägt. Die Welle B wiederum ist als Gegenbewegung in drei Phasen zu sehen. Ist die korrigierende Welle überstanden, steht der nächste Impuls nach oben an.

Während der Hauptantriebswelle übrigens zeigt sich am Markt ein meist sehr deutlicher Anstieg des Volumens an den Handelsplätzen, was einmal mehr deutlich macht, weshalb Elliott die Wellenmuster in zyklische und selbstähnliche unterteilt. Ohne eine zweite Welle der Korrektur aber kann ein einzelner Impuls nicht als abgeschlossen verbucht werden.

Korrekturen sind generell möglich im Börsenalltag

Es gibt eine Reihe möglicher Korrekturwellen, die im Zuge der technischen Analyse in Erscheinung treten können. Innerhalb der Teilwellen können ebenfalls diverse Muster erscheinen.

Zu den möglichen Mustern gehören:

  1. zusammenziehende Dreiecke (vor allem bei den Teilwellen bzw. der zweiten Korrekturwelle)
  2. „Zickzack“-Wellen
  3. das „beendende Dreieck“
  4. das „Flat“ (im Falle eines sich seitwärts bewegenden Marktes)
  5. wortwörtliche „Versager“-Wellen, wenn das Hoch der 5. Welle hinter dem Hoch der 3. Welle zurückbleibt

Korrekturwellen können für Trader zum Risiko werden

Das Dilemma im Rahmen der Elliott-Wellen ist aus Sicht der Händler in erster Linie in einem Punkt zu sehen: Die Wellen, die eine Korrektur darstellen, bergen oft das Risiko, dass Trader wenigstens in der Theorie zum Opfer der eigenen fehlerhaften Prognosen werden können. Nicht betroffen von dieser Problematik sind meist die eigentlichen Impulswellen, da sie vergleichsweise unkompliziert konstruiert sind. Die Menge der Korrektur-Optionen aber macht eine Analyse dieser Bestandteile schwierig und aufwendig zugleich. Zumal ähneln sic hetliche mögliche Korrekturverläufe wenigstens anfangs durchaus merklich. Das Identifizieren einzelner Muster fällt deshalb nicht nur Anfängern schwer. Werden die Muster zu spät ausfindig gemacht, kommt es zu den erwähnten Fehlern innerhalb der Prognosen und falschen Interpretationen der Kurse und ihrer Korrekturen.

Auswertung der einzelnen Wellen muss exakt erfolgen

So überzeugend die Elliott-Wellen auch sind, gänzlich unberechtigt scheint die Kritik vieler Analysten vielfach nicht. So kritisieren Skeptiker und Gegner der Theorie, dass das Erkennen und Zählen der Wellen je nach Marktphase mühsam oder teilweise fast unmöglich sein kann. Der Grund ist in der interpretatorischen Freiheit zu sehen, die Elliott bei seiner Theorie zulässt. Individuelle Bewertungen können für Verwirrung sorgen – die Folge: Gelegenheiten können übersehen und falsche Entscheidungen aufgrund falscher Zählweisen getroffen werden. Zudem wird die Analyse durch den nicht unbedingt geringen zeitlichen Aufwand nicht vereinfacht. Schwierigkeiten bereiten im nächsten Schritt Stopps, denn laut Elliott sind sie mit einem unnötig hohen Risiko verbunden.

Verzicht auf Marktnachrichten erlaubt schnelles Trading

Eindeutige Pluspunkte sammelt die Elliott-Wellen-Theorie dadurch, dass sie im Vergleich mit vielen anderen Modellen der Chartanalyse bzw. der technischen Analyse sehr genaue Abwägungen für die passenden Momente für den Ein- und Ausstieg erlaubt, selbst im Bereich des Intraday-Tradings. Wer das Konzept verstanden hat, ist im Idealfall immer schneller als andere Teilnehmer des Marktes, ohne ständig nach vermeintlich relevanten Medienberichten zum Markt Ausschau halten zu müssen. Anders gesagt: Die Nachrichtenlektüre ist letztlich überflüssig für „Elliott-Jünger“. Insbesondere im Bereich der Prognosen auf mittlere und langfristige Sicht punktet der Ansatz, wenn die beobachteten Märkte ein entsprechend hohes Trading-Volumen aufweisen.

Mit etwas Geschick können korrekte Vorhersagen sogar für Zeiträume von mehreren Jahren getroffen werden. Natürlich können auch Elliott-Wellen nie dem Anspruch der absoluten Perfektion gerecht werden, dazu ist das Modell schlicht zu umfangreich. Doch um genau diese Perfektion geht es gar nicht, sondern um ein angemessenes Verhältnis zwischen Chancen und Risiken, wobei stets auch das Kapitalmanagement berücksichtigt werden muss.

Mit Geduld ans Ziel – nur so werden Elliott-Wellen zum Erfolgsmodell

Skeptisch stehen viele Trader dem Wellen-Prinzip Elliotts auch deshalb gegenüber, weil der Ansatz aus Sicht von vielen eher ein Mythos denn eine nachweislich erfolgversprechende Theorie ist. Eine Ursache für die Zurückhaltung sind dabei oftmals die Misserfolge, die infolge einer inkonsequenten oder falschen Anwendung der Theorie entstehen können. Doch für den Erfolg braucht es Geduld. Kritische Stimmen sprechen der Theorie gerne eine pessimistische Grundhaltung zu oder ordnen sie gar dem Bereich der Esoterik zu – eben weil auf die üblichen Meldungen der Medien verzichtet wird im Rahmen der Analyse. Ein erster Test aber kann zeigen, dass auch Elliott-Wellen für manchen Trader ihre Berechtigung haben, wenn sie nur mit der erforderlichen Ausdauer und Konsequenz gehandhabt werden.

Fazit zur Tradingstrategie der Elliott-Wellen:

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Mein Fazit

Handeln, ohne dabei ständig die aktuelle Nachrichten-Lage rund um die Finanzmärkte überblicken zu müssen, ist für Trader mitunter das erklärte Ziel. Die sogenannten Elliott-Wellen sind ein solcher Weg, um allein aus psychologischen Gründen Entscheidungen treffen zu können. Ungeachtet dessen, dass die Strategie in der Tat nicht immer den großen Wurf zur Folge haben kann, darf attestiert werden, dass Händler mit dem erforderlichen Durchhaltevermögen und vor allem einem Höchstmaß Geduld und Ruhe eben doch durch diese strategische Vorgehensweise Gewinne mitnehmen können. Mit etwas Glück und Wissen sogar kurzfristig, wenngleich die größten Gewinne oft eher im mittel- oder langfristigen Bereich zu erwarten sind, wie die Erfahrungen zeigen.

Autor: RP